Bildung, Kunst & Kultur, Wissenschaft
Mehr Eigenverantwortung für die Schulen
Claudia Schmied sprach beim ersten BildungsTalk über die Herausforderungen in der Bildungsarbeit. In der Diskussion überzeugte die Bildungsministerin die Anwesenden vor allem mit der Forderung nach mehr Eigenverantwortung für die Schulen, ohne dabei die langfristigen (Ausbildungs-)Ziele aus den Augen zu lassen. „Der Wohlstand eines Landes wird im Klassenzimmer entschieden", betonte die Ministerin. „Deshalb darf die Schule nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern auch ein Ort der Kreativität und Innovation sein."
Es war eine hochrangig besetzte Veranstaltung im Architekturzentrum Wien: Mehr als 150 interessierte Besucherinnen und Besucher - darunter zahlreiche Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen - erlebten eine spannende Diskussion rund um das Thema Bildung der Zukunft. Am Podium: Bildungsministerin Claudia Schmied, Bildungsforscher Andreas Schleicher, der Lehrer und Publizist Nikolaus Glattauer sowie die Vizepräsidentin des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbands Katharina Schinner und Barbara Teiber, Regionalgeschäftsführerin GPAdjp Wien.
Eröffnungsstatement von Bildungsministerin Claudia Schmied
Weg von der Verordnungs- und Erlasskultur
"Wir leben in einer Verordnungs- und Erlasskultur. Bis 2020 müssen die Schulen mehr Eigenverantwortung am Schulstandort und Freiräume für die Entwicklungsarbeit erhalten", stellte Schmied klar. Auch die SchulleiterInnen brauchen in Zukunft ein genaues Profil. Der Beruf der/s LehrerIn/s muss hochgehalten werden. Das funktioniert durch die Arbeit am Image und die Verbesserung des Berufsgehaltes.
Schmied: Die Zeit der Umsetzung ist gekommen
"Wir müssen Allianzen bilden, Kräfte bündeln, Probleme beim Namen nennen, Themen ansprechen und Maßnahmen umsetzen", bekräftigte die Bildungsministerin. Es wurden schon viele Erfolge in der Bildungspolitik erzielt. Sie erinnerte an kleinere Klassen, Gratis-Kindergarten, mehr Sprachförderung, die neue Matura ab 2013/2014 und die Neue Mittelschule. Ein weiterer Schritt in der zügig voranschreitenden Bildungsreform ist die Lehrerbildung. Diese wird im Moment mit allen Betroffenen diskutiert, so Schmied, die noch in dieser Legislaturperiode mit der Umsetzung der neuen Lehrerausbildung rechnet. Im Zuge der anstehenden Verwaltungsreform soll der Schulstandort gestärkt werden. Auch der Ausbau der ganztägigen Schulangebote im Interesse der berufstätigen Eltern steht ganz oben auf der bildungspolitischen Agenda der Bildungsministerin.
Chancengleichheit ist heute wichtiger denn je
Die Bildungsstandards sind wichtig, aber in der Schule muss auch viel Platz für Werte, Haltungen und Einstellungen sein. Schmied: "Das ist entscheidend, denn die Kinder von heute bestimmen die Gesellschaft von morgen." In diesem Zusammenhang betonte die Bildungsministerin, dass man sich Kindern mit Zuwanderungsgeschichte annehmen muss, denn alle jungen Menschen bestimmen, wie Österreich in Zukunft aussieht. In ihrer Funktion als Kunst- und Kulturministerin will Schmied mehr Kunst und Kultur in die Schulen bringen. An dieser Stelle hob die Ministerin das Projekt "Theater macht Schule" hervor. Im Rahmen dieses Projektes können die Schülerinnen und Schüler mit SchauspielerInnen und KünstlerInnen an Theaterstücken arbeiten oder selber Theaterstücke schreiben.
Schleicher: Lebensbegleitendes Lernen ist eine Tatsache
Andreas Schleicher, der bekannt wurde als „Mr. Pisa" betonte in seinem Impuls-Referat : „Heute ist es unverantwortlich, einem Schüler eine Arbeit auf Lebzeit zu suggerieren." Denn „die Reproduktion von Fachwissen, das man Schülern leicht im Gleichschritt vermitteln kann, reicht für den Erfolg nicht mehr aus. Zum einen weil derartiges Wissen schnell veraltet, zum anderen weil Arbeit, die digitalisiert oder automatisiert werden kann, in Hochlohnländern keine Zukunft mehr hat."
Der OECD-Experte erklärte,
dass in der Zukunft LehrerInnen benötigt werden, die als ExpertInnen die
SchülerInnen begleiten und dabei unterstützen, durch eigenständiges Denken und
Handeln selbstständig und kooperativ zu lernen. Im Gegensatz dazu erfolgt
derzeit der Zugang zum Lernen durch den LehrerInnen, der Wissen vermittelt.
„Die Vergangenheit war lehrplanzentriert, die Zukunft aber ist lernerzentriert",
so der Experte.
Impulsvortrag von Andreas Schleicher
Erfolgreiche Bildung braucht Zukunft
Was die erfolgreichen Bildungssysteme heute aber auszeichnet, sind motivierende Leistungsrückmeldungen, die Vertrauen in Lernergebnisse schaffen, mit denen Lernpfade und Lernstrategien individuell entwickelt und begleitet werden können. In Schweden z.B. bekommt der Schüler am Ende des Schuljahres nicht einfach eine Zeugnisnote, sondern der Lehrer setzt sich mit dem Schüler und deren Eltern zusammen um anhand objektiver Leistungsergebnisse zu überlegen, wie weitere Verbesserungen individuell erzielt werden können.
Schule der Zukunft
„Es wird in der Schule der Zukunft auch um andere Anreiz- und Unterstützungssysteme gehen, die LehrerInnen in ihrer täglichen Arbeit vorfinden. Viele hochqualifizierte und motivierte Menschen brauchen ein Arbeitsumfeld, das Perspektiven für Entwicklung und Kreativität bietet, sich durch mehr Differenzierung im Aufgabenbereich, bessere Karriereaussichten, eine Stärkung der Verbindungen zu anderen Berufsfeldern und mehr Verantwortung für Lernergebnisse auszeichnet."
Laut Schleicher muss die Schule der Zukunft Systeme von kontinuierlicher Innovation und Rückmeldung aufbauen, so dass LehrerInnen und Schulen miteinander und Bildungssysteme voneinander lernen können. Lehrpläne, Bildungsstandards, Rückmelde- und Unterstützungssysteme müssen eng verknüpft, die Lehrenden in den Prozess der Entwicklung eingebunden und über die Wirkungen ihres Handelns informiert werden.
Abschließend stellte Schleicher fest: „Lernen ist kein Ort, sondern eine Aktivität. Bildungssysteme müssen darauf eingehen, dass Individuen unterschiedlich lernen, und dass sich Lernverhalten und Lernmuster auch über den Lebensverlauf beständig verändern."
Herausforderungen für die Bildungspolitik
„Eine Diskussion
wie die heutige ist ein Garant dafür, dass wir die nächsten Herausforderungen
in der Bildungspolitik schaffen. Wichtig ist, dass wir die Talente und Begabungen
der jungen Menschen entdecken und fördern", erklärte Katharina Schinner.
Barbara Teiber verdeutlichte in ihrem Statement, dass es „die Herausforderung
für 2020 ist, Kinder und bildungsabgeneigte Gruppen für Bildung und Ausbildung
zu begeistern." Nikolaus Glattauer stimmte mit Bildungsministerin Schmied
völlig überein, dass „die Schule die Möglichkeit haben muss, mehr Profil zu
entwickeln." Er forderte: „Zurücknehmen der Schulbehörden. Stärken der
Schulen."
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion nahm die Diskussion zwischen dem Publikum
und Podium breiten Raum ein.
Kommende Termine mit Bundesministerin Schmied
Im Lauf der kommenden Monate sind in ganz Österreich ein KulturTalk und weitere BildungsTalks geplant. Die folgenden Termine wurden bereits fixiert:
Zweiter BildungsTalk mit
Bundesministerin Dr. Claudia Schmied: 1. Juni 2010
Dritter BildungsTalk mit
Bundesministerin Dr. Claudia Schmied: 15. Juni 2010
Dritter KulturTalk mit Bundesministerin Dr. Claudia Schmied: 12. Mai 2010
Nähere Informationen zu den Veranstaltungen folgen demnächst.
ichmachpolitik.at begleitet den BildungsTalk
Zum ersten Mal im Rahmen von „Österreich 2020" begleitete ichmachepolitik.at die Veranstaltung. Der Mitschnitt der gesamten Diskussion, das Impulsreferat und Interviews mit Bundesministerin Claudia Schmied und Andreas Schleicher finden sich auf der Plattform und wurden „Österreich 2020" zur Verfügung gestellt.
Podiumsdiskussion
Publikumsdiskussion
Die gesamte Fotogalerie dieser „Österreich 2020"-Veranstaltung findet sich auf Flickr .
[Redaktion]
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Liebe Userinnen und User!
Wir bedanken uns herzlich für eure bisherigen - sehr konstruktiven - Inputs zu diesem Thema. Da dieser Artikel bereits seit 16.04.2010 online ist, also einige Zeit zurückliegt, schließen wir nun dieses Forum.
Selbstverständlich könnt ihr eure Anregungen und Gedanken zum Thema weiterhin aktiv einbringen. Wir bitten euch, dafür das Forum des aktuellsten Artikels zu benutzen.
Eure inhaltlichen Beiträge werden laufend gesammelt und in die entsprechende Diskurse und Arbeitsgruppe eingebracht, wo sie in den Diskussionsprozess eingearbeitet werden. Rückmeldung über die Prozessentwicklung und Ergebnisse erhaltet ihr in unregelmäßigen Abständen in unserem "Österreich 2020"-Blog.
Herzlichen Dank und liebe Grüße,
eure "Österreich 2020"- Redaktion
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