Frauen, Familie, Jugend
Sybille Pirklbauer über soziale Gerechtigkeit
Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat deutlich gezeigt, dass wir einen unzulänglichen Wirtschaftsbegriff haben. Während sich ein Teil der Wirtschaft nur mehr im virtuellen Raum abspielt, ohne Bezug zur Realität bzw. zum tatsächlichen Wohlstand der Gesellschaft, wird der Bereich der unbezahlten Betreuung- und Versorgungsarbeit - ohne den eine Gesellschaft nicht bestehen kann - vollkommen ausgeklammert. Berechnungen besagen, dass unsere Wirtschaftsleistung um bis zu 50 bis 140 Prozent höher wäre, würde dieser Bereich miteinbezogen werden.
Aus meiner Sicht ist es deshalb notwendig, diese unverzichtbaren Leistungen in den Wirtschaftsbegriff einzubeziehen. Dazu gehört auch, dass unbezahlte Arbeit in weiten Teilen zu bezahlter Arbeit wird. Das bedeutet, dass die öffentliche Hand in professionelle Kinderbetreuung, Bildung und Pflege investieren muss. Investitionen in diesem Bereich sind gerade jetzt dringend notwendig. Sie schaffen nicht nur mehr Beschäftigung als jede andere Form staatlicher Ausgaben, sondern sie tragen auch wesentlich zu einer gerechteren Gesellschaft bei. Ein zweiter, wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist aber auch, dass Männer mehr Haus- und Betreuungsarbeiten übernehmen müssen, insbesondere Väter sind gefordert, sich stärker einzubringen.
Es muss aber auch zu einer gerechteren Verteilung der bezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern kommen. Wir hatten in den letzten Jahrzehnten eine de facto Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich, die fast ausschließlich zu Lasten der Frauen ging. Hier braucht es eine generelle Verringerung der Voll-Erwerbsarbeitszeit, aber ganz generell einen höheren Anteil bezahlter Erwerbsarbeit für Frauen.
Darüber hinaus sind Frauen nach wie vor noch zu wenig an den materiellen Ressourcen beteiligt und zu wenig in relevanten Entscheidungsgremien vertreten. Um Lösungen zu finden, ist ein ganzheitlicher Ansatz der Politik wichtig, weil die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, sehr vielschichtig und komplex geworden sind. Es braucht diese ganzheitliche Betrachtungsweise aber auch für die Grundbegriffe und die Werte in der Politik. Ich möchte das exemplarisch an zwei Begriffen darstellen - an der Frage der sozialen Gerechtigkeit und an der Frage der Sicherheit.
Soziale Gerechtigkeit ist ein Grundanliegen der Sozialdemokratie.
In Zeiten der Krise werden immer wieder Stimmen laut, die meinen, um die Gleichstellung von Frauen und Männern kümmern wir uns, wenn die großen, aktuellen Probleme gelöst sind. Es muss uns allen klar sein: Es kann keine soziale Gerechtigkeit geben ohne die Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern. Dazu gehören viele Bereiche, wie die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, aber auch die Verteilung von Einkommen. Sie können als Messlatten für die geschlechtsspezifische Verteilungsgerechtigkeit in einer Gesellschaft gesehen werden. Ganz wesentlich in diesem Zusammenhang ist aber auch die Schaffung von Transparenz. Sie ist eine notwendige Bedingung für Fairness, nicht nur bei den Einkommen, sondern auch beim Zugang zu Arbeit, Bildung und Entscheidungspositionen.
Sicherheit muss mit Freiheit zusammenspielen
Beim Begriff der Sicherheit gibt es ein enges Zusammenspiel mit dem Begriff der Freiheit. Frauen und Männer sollen ihr Leben so gestalten können, wie sie möchten und wie sie es sich vorstellen. Das braucht ein hohes Maß an Sicherheit. Freiheit braucht Sicherheit, aber Sicherheit darf nicht als Vorwand genutzt werden, um grundlegende Freiheitsrechte einzuschränken. Sicherheit bedeutet für Frauen sehr viel mehr als polizeiliche oder militärische Maßnahmen, sie umfasst die Gewährleistung der individuellen physischen und psychischen Unverletzlichkeit. Der Schutz vor jeder Form der Gewalt ist dabei eine Grundbedingung, aber es gehört auch die Sicherung der eigenen Existenz und Deckung von Grundbedürfnissen wie Gesundheitsversorgung und Wohnen dazu.
Um Anliegen umzusetzen - ein Stück des Weges miteinander gehen
Ich denke es geht darum, dass sich Frauen und Männer mit den gleichen Anliegen vernetzen und als gleichberechtigte Partner und Partnerinnen für ein Anliegen kämpfen. Das wird immer öfters anlassbezogen sein, das heißt für bestimmte Projekte werden zeitlich begrenzte Bündnisse geknüpft und wenn das Projekt zu Ende ist, können sich die Wege auch wieder trennen. Kurz, die Allianzen werden breiter, flexibler und projektbezogener werden. Es ist sozusagen „ein Stück des Weges miteinander gehen" nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf Ebene der Institutionen, damit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass Anliegen umgesetzt werden.
[Sybille Pirklbauer] ist die wissenschaftliche Begleitung der Diskursgruppe "Frauen, Familie".
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Familie bedeutet Liebe, Geborgenheit füreinander und erfordert selbstverständlich Verwantwortung und Pflichtbewußtsein für seine Frau und Kinder. Meiner Meinung nach lässst sich so etwas nicht staatlich verordnen oder gesetzlich regeln.
Ganz im Gegenteil, das Eingehen auf die heute vielfach erwähnten "Lebensabschnittspartnerschaften" suggeriert förmlich, dass "wenn's kompliziert wird, beenden wir das Ganze halt".An Beziehungen (ganz gleich ob Partner- oder Freundschaften) muss man sein ganzes Leben lang arbeiten.
Ich finde es gut, dass in dem Text betont wird, dass es keine soziale Gerechtigkeit ohne Gleichstellung der Frauen geben kann! Gerade Armutsbekämpfung ist z.B. so ein Thema, das viele frauenspezifische Aspekte hat, bei dem wir sinnvollerweise aber gemeinsam mit den Männern für mehr Gerechtigkeit kämpfen sollten!
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir wirklich diese anlassbezogenen Partnerschaften engehen sollten. Sollte unser Ziel nicht eher eine umfassende "Partnerschaft" sein?