Meinungsforum
A New Big Deal für's Zusammenleben
Das Janusgesicht der Integrationspolitik
Versucht man sich ein klares Bild über die österreichische Integrationspolitik zu machen, so dürfte schnell klar werden, dass es diese Klarheit nicht gibt. Einerseits ist eine zunehmende gesellschaftspolitische Relevanz der Integrationsthematik zu beobachten. Gleichzeitig sind zunehmende politisch-mediale Hysterisierungen und symbolpolitische Zuspitzungen über die Integrationsthematik zu beobachten. Im Wissen, dass Zuwanderungs- und Integrationsprozesse mit tiefgreifenden Transformationen, Brüchen und Umbrüchen einhergehen, sind kritische, unangenehme, gar beißende Einwendungen und der Streit darüber nicht ein Hindernis, sondern genuiner Teil des Integrationsprozesses.
"Die Frage, die sich jedoch immer gewichtiger stellt, ist nicht ob, sondern wie darüber gestritten und diskutiert wird. Hier lässt sich zum Teil ein Wegbrechen von kommunikativen Mindeststandards beobachten, die vom rechtspopulistischen Spektrum angetrieben bis in Teile der Mitte angekommen sind."
Anforderungen an die Zuwanderungs- und Integrationspolitik
Eine anerkennende, solide und zukunftsorientierte Zuwanderungs- und Integrationspolitik muss dem Faktum Rechnung tragen, dass sich unsere Gesellschaft in einer stillen Revolution von einer Industrie- zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft gewandelt hat. Die europäische Binnenmigration nimmt weiter zu und bildet gegenwärtig die mit Abstand größte Zuwanderungsgruppe. Das gleiche gilt für den Bedarf an Arbeitskräften: auch dieser nimmt zu und differenziert sich aus. Zukünftig werden nicht nur hochqualifizierte Arbeitskräfte benötigt sondern auch mittel- und niedrig qualifiziertes Personal. Ansonsten wären große Bereiche des Dienstleistungssektors und des Pflegebereiches nicht aufrecht erhaltbar. Daneben wird unsere Gesellschaft grauer, bunter und vielfältiger zugleich. Grundsätzlich darf festgehalten werden das die EU-Mobilität noch zunehmen wird und Österreich - will es ein attraktiver Standort für den benötigen Arbeitskräftebedarf sein - seine Aufnahme-, Integrations- und Diversitätskompetenz erhöhen muss.
Das verlangt jedoch, dass man die Fragen gesamthaft, offensiv und zukunftsorientiert mit der gebotenen Ernsthaftigkeit und Besonnenheit annimmt und nicht mit Vollgas und gezogener Handbremse nach vorne möchte. Was beim Auto zu einer Überdrehung und Überhitzung führt, würde hier zur einer widersprüchlichen Grundhaltung führen, die signalisiert: „Wir brauchen Zuwanderung, wollen Sie aber nicht". In beiden Fällen wäre es viel Lärm um nichts.
A new big deal...
Dabei brauchen wir einen new big deal der besagt: „Ihr seid ein willkommener und selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft. Wir schaffen die gute Vorrausetzungen und investieren auch. Dafür erwarten wir aber auch was. Interesse, Selbstinitiative und Eigenverantwortung für das eigene (und somit auch gesellschaftliche) Vorankommen." Denn beide Seiten sind gefragt und können es auch besser.
[Kenan Güngör]
Zur Person:
Kenan Güngör ist Soziologe und Leiter des Büros [difference:] Gesellschaftsanalyse. Innovation. Integration. Als internationaler Experte für Migrations- und Integrationsfragen berät und begleitet er staatliche und nichtstaatliche Organisationen auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebne.
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