Meinungsforum

Mari Steindl - „Unsere Antwort lautet: Mehr Offenheit, mehr Demokratie und mehr Menschlichkeit“

Vielfalt als Normalität in der Gesellschaft und die Chance von positiver Interaktion als strategisches Mittel für ein gutes Zusammenleben.

„Unsere Antwort lautet: Mehr Offenheit, mehr Demokratie und mehr Menschlichkeit“ - Diese Aussage von Jens Stoltenberg, Ministerpräsident von Norwegen, nach den Anschlägen im Juli 2011 in Norwegen, ist nicht nur sehr mutig, sondern bringt auch das Wesentliche auf den Punkt. Er gibt eine Antwort auf die Frage, auf welchen Prinzipien eine lebenswerte Gesellschaft aufgebaut sein muss und er stellt sich damit klar auf die Seite jener, die der Demokratie und Offenheit Vorrang vor dem Überwachungs- und Sicherheitsstaat geben. Etwa zur selben Zeit erlebte London -und auch einige andere Städte Großbritanniens - Jugendrevolten, in deren Umfeld ca. 1500 Personen, zum Teil Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren, verhaftet wurden. Die Exekutive in Großbritannien hat die Menschen mit großen Videowalls aufgefordert, die jugendlichen „Plünderer“ zu denunzieren. Gleichzeitig hat die Exekutive ihre Geschütze mit Wasserwerfern und Gummigeschossen massiv aufgestockt. Die Aktionen und Reaktion rund um die Aufstände in London haben zweifelsohne soziale Ursachen, darüber sind sich viele Expert_innen einig. Das Verhalten der englischen Politik und Exekutive ist auch eine Antwort auf die Frage, welche Prinzipien eine Gesellschaft leiten.

Was sind die Grundprinzipien für ein gutes Zusammenleben in einer lebenswerten Gesellschaft? Auch in Österreich erleben wir, dass Menschen, die bestimmten Normen nicht entsprechen, ausgegrenzt werden. Wir erleben, dass Menschen, die anders aussehen und vielleicht eine andere Sprache als Deutsch sprechen, diskriminiert werden, am Arbeitsmarkt, am Wohnungsmarkt oder beim Zugang zu Bildung und anderen gesellschaftlichen Gütern. Wir erleben in Österreich, dass Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen zu Sündenböcken gemacht werden. Natürlich gibt es auch zahlreiche Initiativen und Bemühungen, ein gutes und lebenswertes Zusammenleben zu erreichen. Diese Initiativen und die Menschen, die daran beteiligt sind, brauchen ein politisches Bekenntnis, das ihre Anstrengungen unterstützt. Die Diskussion um die sogenannte Anpassung sollte dabei überhaupt keine Rolle spielen, sondern es sollte das gute Zusammenleben und die Aushandlungsprozesse darum in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Stadt Barcelona  hat sich in den letzten Jahren intensiv mit diesen Fragen beschäftigt und sie haben drei Prinzipien in den Mittelpunkt gestellt, die einen interessanten Beitrag zur Diskussion in Österreich leisten können . Es sind durchwegs Prinzipien, die auch von verschiedenen Gruppen und Menschen in Österreich schon eingebracht wurden.

Prinzip der Egalität von Rechten, Pflichten und sozialen Möglichkeiten

In einer offenen und demokratischen Gesellschaft ist das Prinzip der Egalität von Rechten und Pflichten zentral, weil dies die Basis für eine aktive Partizipation in der Gesellschaft darstellt. Rechte und Pflichten werden über Gesetze, Verordnungen, Verfassung etc. geregelt. Da es in Österreich seit dem Jahr 2010 keine Wahlpflicht mehr gibt, gibt es parktisch keine Pflichten, die ausschließlich österreichische Staatsbürger_innen betreffen. Dies bedeutet, dass in Bezug auf die Pflichten  die in Österreich lebenden Menschen, egal welche Staatsbürgerschaft sie besitzen bzw. , egal welche Sprache sie sprechen, nahezu gleichgestellt sind. Mit der Einführung der EU-Bürgerschaft wurde den Mitbürger_innen aus den anderen EU-Ländern eine Wahlbeteiligung auf kommunaler Ebene zugesichert. Sogenannte Drittstaatsangehörige haben in Österreich nur sehr eingeschränkte demokratische Möglichkeiten  sich an Wahlen zu beteiligen (etwa Betriebsrat, Arbeiterkammerwahlen) – von den Wahlen auf kommunaler, Länder oder nationaler Ebene sind sie ausgeschlossen. Eine Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Egalität von Rechten und Pflichten aufgebaut ist, sollte Formen der  Partizipation für Alle bieten. Ein Ansatz wäre eine Wohnbürgerschaft, die zumindest ein Wahlrecht auf kommunaler Ebene ermöglicht. Es wäre notwendig neue Strukturen zu schaffen, um eine demokratische Partizipation von Menschen, die zur Zeit noch kein Wahlrecht haben, zu ermöglichen. Prinzipiell ist jedoch die Einbindung möglichst aller in einem Land lebenden Menschen in die regulären demokratischen Strukturen vorzuziehen. Viele Staaten erlauben mittlerweile eine doppelte Staatsbürgerschaft, weil es in einer sehr stark vernetzten Welt eine Selbstverständlichkeit ist, dass Menschen mehrere Bezugspunkte haben können. Die Ermöglichung einer doppelten Staatsbürgerschaft kann diesem Umstand Rechnung tragen. Zusätzlich dazu sollte in Österreich die Verleihung der Staatsbürgerschaft vielmehr als Mittel eines positiven Integrationsprozesses und nicht als „Belohnung am Ende eines erfolgreichen Integrationsprozesses“ verstanden werden. Menschen, die sich für den Lebensmittelpunkt Österreich entscheiden, sollten somit nach drei bis vier Jahren die Möglichkeit haben, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Neben den Rechten und Pflichten ist der Bereich der gleichen sozialen Möglichkeiten eine zentrale Herausforderung für eine offene und demokratische Gesellschaft. Zahlreiche Studien belegen das Vorhandensein von Diskriminierung verschiedener Gruppen (aufgrund Ethnizität, Religionszugehörigkeit, körperlicher oder geistiger Behinderung, sexueller Orientierung, sozialer Schichtzugehörigkeit) in fast allen Lebensbereichen. Ein klares Bekenntnis, das allen Menschen einer Gesellschaft das Recht auf gleiche Bildungschancen, Recht auf Arbeit, Wohnung und Unterkunft und Zugang zu gesellschaftlichen Gütern zugesteht, wäre notwendig. In allen gesellschaftlichen Bereichen sind passende Maßnahmen zu entwickeln, die diese Rechte sicherstellen, etwa durch Quotenregelungen, Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung oder spezifischen Fördermaßnahme.

Prinzip der Anerkennung von Vielfalt

Dieses Prinzip bedingt einen Paradigmenwechsel: Die Aufgabe einer monokulturellen, monolingualen Gesellschaftssicht und ein Hervorheben des Potenzials von Vielfalt, das durch die Anerkennung dieser Vielfalt den Mitgliedern einer Gesellschaft zur Verfügung steht... Menschen dürfen und sollen ihre kulturellen, religiösen, sprachlichen, philosophischen und politischen Weltanschauungen und Praktiken verfolgen, soweit sie im Rahmen der Gesetze und der Verfassung sind, also Menschenrechte und damit Frauen- und Kinderrechte berücksichtigen. Mehrsprachigkeit und Vielfältigkeit sollen eine Normalität in allen gesellschaftlichen Bereichen sein – in Schulen, Wohnviertel, Unternehmen, öffentlichen Räumen, öffentlichen Organisationen und Institutionen. Menschen mit Deutsch als Erstsprache sollen motiviert werden andere Sprache zu lernen und Menschen mit anderen Erstsprachensollen motiviert und unterstützt werden die Landessprache zu erlernen. Auf jeden Fall sollte beim Sprache lernen die Kommunikation, die Begegnung und die Teilhabe an der Gesellschaft im Zentrum stehen und nicht Zwang und Druck.
Dieses Prinzip der Anerkennung von Vielfalt setzt voraus, dass Menschen fähig, sind mit dieser Vielfalt positiv umzugehen. Es stellt eine Herausforderung im Besonderen für öffentliche Einrichtungen und Institutionen dar,  ihre Mitarbeiter_innen im Umgang mit dieser Vielfalt zu unterstützen. Ob im Bürgerdienst, in der Verwaltung, in der Exekutive, im Pflegebereich oder im Bildungsbereich, „Vielfaltskompetenz“  muss einen zentralen Teil in der Aus- und Weiterbildung darstellen.

Einwichtiger Schritt im Zusammenhang mit einer interkulturellen Öffnung von privaten und öffentlichen Einrichtungen ist es, Diversitätsaspekte ins Zentrum der Personalentwicklung zu stellen.  Besonders öffentliche Einrichtungen sollen ein Spiegel für die Vielfältigkeit der Gesellschaft sein. In einzelnen gesellschaftlichen Bereichen wird es notwendig sein, diesbezüglich besondere Aktivitäten zu setzen (ein Beispiel dafür sind die Bestrebungen der Wiener Exekutive, Personen mit Migrationshintergrund für den Polizeidienst zu gewinnen).  Dies erfordert grundsätzlich die Überarbeitung von Aufnahmekriterien, da diese oft bereits Diskriminierungsaspekte beinhalten.  

Prinzip der positiven und proaktiven Interaktion


Interaktion ist ein Prozess der immer und alltäglich im Großen und im Kleinen stattfindet, es ist der Prozess, der das Zusammenleben von Menschen kennzeichnet. Interaktion passiert, wenn Menschen miteinander leben, nebeneinander leben, wenn Menschen streiten, feiern, sich aus dem Weg gehen usw. Die Art und Weise, wie Menschen interagieren, ist von vielen verschiedenen Faktoren (soziale, ökonomische, kulturelle, religiöse,…) abhängig, und somit gibt es verschiedene diegute Ansatzpunkte  um zur Verbesserung des Zusammenlebens von Menschen beizutragen. Die Interaktion als zentrale Achse einer interkulturellen Strategie ermöglicht auch Konflikte wahrzunehmen, gemeinsam Lösungen zu finden und  kann ein Garant für die Koexistenz und Nutzung der Möglichkeiten, die sich durch Vielfalt bieten, darstellen. Menschen sollen befähigt werden miteinander positiv zu interagieren, wo auch immer sie herkommen oder hingehen. In diesem Prozess der Interaktion passiert Sozialisierung und somit Normalisierung von Vielfalt in allen Bereichen und Plätzen.

Um dieses Prinzip zur Entfaltung zu bringen, braucht es ein strategisches Commitment, die stattfindenden Interaktionen positiv und proaktiv mitgestalten zu wollen. In den einzelnen gesellschaftlichen Bereichen ist dies die zentrale Fragestellung,  z.B. in der Stadtplanung, in der Bildung, in der sozialen Sicherheit oder im Wohnbereich. Interaktion ist notwendig, um von einer Koexistenz, die Vielfalt ignoriert, zu einer Koexistenz zu kommen, in der sich Vielfalt begegnet.

Gleiche Rechte, Pflichten und soziale Möglichkeiten, die Anerkennung von Vielfalt und die Chance, Interaktionen positiv und proaktiv mitzugestalten, sind Prinzipien, die uns unterstützen können, die Gesellschaft menschlicher, offener und demokratischer zu gestalten.

Zur Person:
Magª Mari Steindl, Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums. Sozial – und Kulturanthropologin; MA Angewandtes Wissensmanagement. Organisatorin und Trainerin von nationalen und internationalen Bildungsprogrammen (Europäische Union, Europarat). Leitung des Lehrgangs „Interkulturelle Kompetenzen“, Curriculumsentwicklung und Durchführung des Lehrgangs Interkulturelle Elternbegleitung, Curriculumsentwicklung Lehrgang Sprache und Kultur. Lektorin an der Universität Wien und der Pädagogischen Hochschule und der Donau Universität Krems.Seminaren und Workshops in Zusammenarbeit mit verschiedenen Trägern Lektorin an der Universität Wien und der Donau Universität Krems.

Interessante Links zum Thema:
http://www.coe.int/t/dg4/cultureheritage/culture/Cities/Default_en.asp
http://philwood.eu/
http://www.iz.or.at

  • mari steindl © IZ
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