Meinungsforum

Bildung und Wissenschaft

Das Jahr 2020 scheint uns heute noch weit entfernt. Aber so wie ein riesiger Ozeandampfer Kilometer vor einem gewünschten Stopp bremsen muss, müssen die Weichen für ein erneuertes Bildungswesen in Österreich heute richtig ausgerichtet werden.

Jahre bis Jahrzehnte vergehen, bis Reformen in Basisbildung, Schule oder Hochschule spürbare Wirkung auf Lernende zeigen. Lehre mit Matura etwa, ein vergleichsweise rasch umgesetztes, wenngleich sehr richtungsweisendes Projekt, wird in einem Zeitraum von vier Jahren erstmals eine nennenswerte Zahl an Absolventinnen und Absolventen hervorbringen können. Erst dann können Einschätzungen über den Erfolg des Projekts am Arbeitsmarkt und in der Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmenden getroffen werden. Schneller und flexibler können Projekte des lebensbegleitenden Lernens, der Weiterbildung reagieren, weil hier oft der unmittelbare Druck des Arbeitsmarkts regiert.

Unbestritten ist: Bildung ist ein Schlüssel für Wohlstandszugewinn und sozialen Zusammenhalt. Österreich braucht mehr hoch bis höchstqualifizierte Menschen, um wirtschaftliche Fortentwicklung und Wohlstandszuwachs sicherzustellen.

Österreich braucht mehr hoch bis höchst gebildete Menschen, um politische Teilhabe in einer demokratischen Gesellschaft zu entwickeln und den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Anfällig für die Verlockungen des billigen Populismus, der Fremdenfeindlichkeit, sind immer noch zumeist jene, denen der Zugang zu Reflexion, zu Diskussion und Auseinandersetzung fehlt.

Österreichs Bildungspolitik droht auf mittlerem Niveau steckenzubleiben. Weiterhin gelingt es nur sehr zäh, mehr jungen Menschen aus Arbeiter- oder auch sozial benachteiligten Haushalten Zugang zu höherer und höchster Bildung zu verschaffen, die Potentiale junger Menschen zu entwickeln und Begeisterung für Wandel und Innovation beim Lernen zu entfachen.

Bis 2020 müssen die Ergebnisse der Arbeit des österreichischen Bildungswesens deutlich besser werden.

Und es ist hoch an der Zeit, dass der sozialdemokratische Gedanke von einer Bildung, die uns freier, gleicher und als Gesellschaft sozialer macht, wieder an Boden gewinnt.

Die nach sozialdemokratischen Prinzipien und Vorstellungen ausgerichtete Bildung hebt sich vom Elitendünkel ab; sie verbindet den humanistischen Bildungsbegriff mit arbeitsmarktpolitischen Erfordernissen und will die Lust und die Freude am Lernen in Gemeinschaft wiedererwecken.

Unabdingbar ist es für die SPÖ, Klarheit und Entschlossenheit zu zentralen Fragen zu entwickeln: Sozialdemokratische Bildungspolitik wird über das Projekt „Österreich 2020" nachvollziehbare Antworten auf folgende Fragen finden:

  • Was ist das wichtigste Ziel sozialdemokratischer Bildungspolitik bis 2020?
  • Wie kann die Erhöhung der Chancengerechtigkeit beim Zugang zu Bildung auf allen Bildungslevels nachweisbar gelingen?
  • Wie weit gibt und soll es Freiheit in der Wahl der Bildungswege geben?
  • Wo braucht das Bildungswesen mehr Geld und wo besseres Management?
  • Wie gelingt die Balance zwischen arbeitsmarktadäquater Ausbildung und persönlichkeitsentwickelnder Allgemeinbildung?
  • Wie überzeugen wir relevante Mehrheiten von kompensatorischer Bildungspolitik d.h. wo kann die Familie auf Dauer nicht mehr Nachhilfeeinrichtung sein?
  • Wo liegen die Grenzen staatlicher Förderung aus sozialdemokratischer Bildungssicht?
  • Wie befördern wir den Einzug von Geschlechtergerechtigkeit im österreichischen Bildungswesen?

 

[Gabriele Schmid]

Zur Person:

Gabriele Schmid ist Leiterin der Abteilung Bildungspolitik der Arbeiterkammer Wien und zählt zur Gruppe der projektbegleitenden Expertinnen und Experten von "Österreich 2020".

Dieser Kommentar erscheint ebenfalls im SPÖ Aktuell Nr.11.

 

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  • Gabriele Schmid ist Leiterin der Abteilung Bildungspolitik der Arbeiterkammer Wien © Arbeiterkammer