Meinungsforum

Gesünder durch das Internet?

Die immer zentraler werdende Rolle des Internets im Gesundheitsbereich wirft eine Reihe an zu klärenden Fragen für Gesellschaft und Bioethik auf. Bioethische Fragestellungen betreffen häufig die Grundbegriffe unseres sozialen und politischen Zusammenlebens. Welche Akteure und Akteurinnen etwa in der Debatte um die embryonale Stammzellenforschung Gehör finden, sagt etwas darüber aus, wer als Entscheidungsinstanz über heikle moralische Fragen akzeptiert wird.

Bioethische Diskussionen spielen auch in der Grenzziehung zwischen der individuellen Entscheidungssphäre der Bürgerinnen und Bürger und der staatlichen Gestaltungsmacht eine Rolle. Die gesellschaftliche Diskussion bioethischer Fragen erfüllt daher eine wichtige demokratische und politische Funktion.

"Private Unternehmen bieten im Internet Tests an, die mittels der Analyse des individuellen Erbguts Auskünfte über genetische Risikofaktoren für eine Reihe von Krankheiten zu geben versprechen."

Gleichzeitig beobachten wir fernab medienwirksamer Themen wie der Embryonenforschung Entwicklungen in anderen Forschungsgebieten, die in den nächsten Jahren viele von uns unmittelbar betreffen werden. Eine dieser Entwicklungen ist die immer zentraler werdende Rolle des Internets im Gesundheitsbereich. Die Anzahl der Menschen, die im Internet nach Fragen betreffend die Diagnose und Therapie medizinischer Probleme suchen, wächst rasant. In England werden Krankenhaustermine online gebucht, und Internetfragebögen helfen bei der Entscheidung, ob bei konkreten Beschwerden ein Arztbesuch erforderlich ist. Patientinnen und Patienten organisieren sich im Internet und fordern mehr Forschung für „ihre" Krankheiten. Zudem bieten private Unternehmen im Internet Tests an, die mittels der Analyse des individuellen Erbguts Auskünfte über genetische Risikofaktoren für eine Reihe von Krankheiten zu geben versprechen. 

Sicherheit der Gesundheitsdaten

Diese Entwicklung wirft eine Reihe von Fragen auf. Wie sicher sind etwa die Gesundheitsdaten, die private Gentest-Anbieter im Internet speichern? Sind Personen, die sich solchen Tests unterzogen haben, vor unberechtigtem Zugriff auf ihre Daten durch Dritte wirksam geschützt? Welche Beratungsbedürfnisse haben Menschen, die Gentests im Internet ohne Vermittlung durch medizinische Expertinnen und Experten durchführen? Welche Kosten können dadurch dem Gesundheitssystem, und damit der Allgemeinheit, entstehen? Kann es Folgen haben, wenn jemand etwa wiederholt im Internet nach Information über psychische Erkrankungen sucht?

Nicht zuletzt muss verhindert werden, dass diese Entwicklungen zu einer Verschärfung bestehender gesellschaftlicher Ungleichheiten beitragen. So dürfen etwa ältere Menschen oder jene, denen Möglichkeiten oder Mittel fehlen, sich Gesundheitsinformation im Internet zu beschaffen, keine entscheidenden Nachteile erfahren. Ebenso müssen wir einer Entwicklung vorbeugen, die etwa die Durchführung von Tests im Internet, welche uns über genetische Krankheitsrisiken aufzuklären versprechen, als moralische Pflicht gesundheitsbewusster Menschen zu verstehen beginnt.

[Barbara Prainsack]

Zur Person:

Barbara Prainsack  ist als Senior Lecturer am Centre for Biomedicine & Society des King's College London tätig und im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften Gastdozentin an der Goethe Universität in Frankfurt. Sie zählt zur Gruppe der projektbegleitenden Expertinnen und Experten von "Österreich 2020".

Dieser Kommentar erscheint ebenfalls im SPÖ Aktuell Nr.15. 

 

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  • Barbara Prainsack © Universität Wien